Wurzeln am Waldboden

Yay, Dunkelheit! Nix wie rein!

31. August 2020

Die Dunkelheit, wer mag die schon? Wenn wir’s uns aussuchen können, dann bitte freundlich, lieb, brav, gesittet. Wut und Neid, Angst und Eifersucht, Chaos und Aggression: damit kommen wir oft nicht gut zurecht. Daher besser weg damit. Eingraben, tief in uns, nie wieder spüren. Licht und Liebe sind ja viel angenehmer, da haben wir’s alle schön miteinander, harmonisch.

Eine famose Vorstellung – doch leider funktioniert sie im Alltag nicht. Meiner Erfahrung nach auch nicht im spirituellen. Das Licht liegt am Ende des dunklen Tunnels und wir alle gehen da erst mal durch, bevor wir in unserer Wahrhaftigkeit strahlen können.

Plastiklicht

Vielleicht spüren einige, dass das Licht, das wir aus unserem Egobewusstsein heraus sein wollen, gar nicht das natürliche und göttliche Licht ist, sondern ein künstliches, eins von der Glühbirne, das verträglich ist für die Leute rundherum. Ein nettes Licht, nicht zu hell. Ein bissl schummrig, damit man die Wahrheit nicht gleich sieht. Plastiklicht.

Vielleicht spüren einige unter all dem Lieb- oder Coolsein die unterdrückte Wut, nicht die sein zu können, die sie in Wahrheit sind. Vielleicht spüren sie den Neid oder die Aggression, die sich kaum mehr bändigen lässt – trotz aller Masken. Trotz der echten Masken – und der unsichtbaren, die wir uns über die Jahre angelegt haben. Maulkörbe, um hineinzupassen in eine Welt, in der wir schon lange nicht mehr richtig durchatmen können. Die zu eng ist, um unsere wahre göttliche Größe auch nur ansatzweise zu fassen.

Gesegnet mit Gefühlen

Es ist Zeit, um alles in uns willkommen zu heißen: Die Dunkelheit und das Licht. Denn wir sind Menschen, gesegnet mit Gefühlen – und all diese Gefühle haben nur einen Sinn: Sie führen uns zu uns, in unser natürliches, göttliches Licht. Sie leiten uns. Die Wut zeigt uns den Weg. Was ist noch nicht erlöst? Warum, verdammt noch mal, bin ich so wütend? Und wie fühlt sich diese Wut überhaupt an? Wo in meinem Körper spüre ich sie? Der Hass zeigt uns den Weg. Was ist noch nicht erlöst? Warum, verdammt nochmal, ist da so viel Hass, obwohl ich eigentlich ein guter Mensch bin? Wo in meinem Körper sitzt der? Die Eifersucht zeigt uns den Weg. Was ist noch nicht erlöst? Warum, verdammt nochmal, kann ich meinem Partner nicht vertrauen? Wo spüre ich die Eifersucht? Was brauche ich wirklich? Usw usf.

Und was ist mit den schönen Gefühlen? Mit der Liebe, der Freude, dem Glück, Mitgefühl. Auch sie leiten uns: Folgen wir der Freude, sind wir am richtigen Weg. Aber der Freude zu folgen ist vergleichsweise einfach. Folge mal der Angst, oder – noch besser – dem Schmerz aus deiner Kindheit und du wirst sehen: Huhu, kein Spaziergang. Weil wir nicht wissen, wie es geht. Niemand hat uns den Weg durch den alten Schmerz, mitten durch die Dunkelheit, gezeigt. Niemand hat uns gesagt: Hey, da gehen wir mal gemeinsam durch, zwei Mal vielleicht oder vier Mal und danach weißt du, wie es geht. Durchgehen. Spüren. Bei Bedarf eben mit jemandem, der uns an der Hand nimmt. Weil der alte Schmerz ist scheiße. Da braucht’s schon feste Stiefel mit guter Sohle.

Durch den Tunnel ins natürliche Licht

Meiner Erfahrung nach müssen wir durch die Dunkelheit, wenn wir wachsen möchten. Durch, nicht hängen bleiben im Schmerz, sondern spüren, annehmen und dann weitergehen. Wer dies einmal ganz bewusst erlebt hat, während des Prozesses in seinem Körper fest verankert, der stellt fest: So schlimm ist das dort nicht. Es ist, was es ist. Und es dauert nicht unbedingt eine Ewigkeit. Doch weil wir uns nie trauen, hineinzugehen, bekommen wir immer mehr Angst vor dem, was dort sein könnte. Könnte. Oder auch nicht. Denn wir wissen es nicht. Was ist dort, in der Dunkelheit?

Deine Kraft wächst aus der Dunkelheit

Denk an den Baum, der einen Teil seiner Kraft aus der Erde holt, tief unten, wo kein Lichtstrahl hinkommt. Denk an die tiefe See, die die famosesten Fische hervorbringt (und die sich ihr Licht ja teilweise auch selbst machen – aus der Dunkelheit heraus). Pure Schöpferkraft. Denk an die Nacht, die dir Erneuerung bringt. An dein Körperinneres, so dunkel, in dem sekundenfach Wunder geschehen, von der Atmung und dem Gasaustausch angefangen bis hin zur Ovulation, Befruchtung und der Schöpfung neuen Lebens. Die Gebärmutter, die Babys aus der Dunkelheit hervorbringt. Ja, und denk an deine Erdung, deine Verbindung mit der satten Dunkelheit der Erde, die dir Sicherheit gibt, die dich spüren lässt, dass immerzu für dich gesorgt ist. Hier ist deine Kraft auch daheim. Nicht nur „oben“ in der geistigen Welt. Die geistige Welt ist auch hier unten, im Finstern. Das vergessen wir oft.

Die Sache mit der bösen Dunkelheit ist eine Mär. Es geht hier nicht um Gut oder Böse. Es geht um’s Sein. Um’s Annehmen von dem, was ist. Die Dunkelheit ist nicht dein Feind, sondern deine Angst und dein Widerstand gegen das Dunkle. Nimm es an und du wirst dein Licht heller spüren als je zuvor.

Die Dunkelheit erdet dein Licht

Daher sag ich: Yay, Dunkelheit! Nix wie rein! Denn hinter ihr liegt dein wahres Licht, all deine Göttlichkeit. Deine Dunkelheit ist ein Teil von dir – genauso wie dein Strahlen. Nimm alles an und du erdest dein Licht. Und das führt dich in deine Wahrhaftigkeit und deine Schöpferkraft. Dann brauchst du keine Masken mehr, um dich zu schützen. Dann beschützt dich deine Dunkelheit, diese unermessliche Ur-Kraft.

Denn in Wahrheit ist deine Dunkelheit dazu da, um dich zu schützen. Sie hilft dir, nein zu sagen, wenn ein „Nein“ angebracht ist. Sie hilft dir „Stopp“ zu sagen und „Geht’s alle scheißen!“, wenn es dir zu viel wird, wenn drei Menschen an dir hängen und deine Aufmerksamkeit, dein Geld, deine Zuwendung wollen, ohne auf dein Wohl zu achten. Aber es müssen ja nicht drei Leute sein: Es reicht ein Mensch, der von dir verlangt, anders zu sein, hineinzupassen in die Arbeit, in eine Beziehung, whatsoever.

Spiritualität auf der Erde

Ich dachte lange Zeit, ein spiritueller Mensch hat stets zu lächeln, freundlich zu sein. Licht eben, Liebe, falsch verstandene. Doch das ist nicht das, wozu die meisten von uns hier auf der Erde sind. Wir sind hier, um uns als Menschen zu erfahren. Um die Welt zu erfahren. Und wir wissen, die Welt ist nicht nur hell, sondern immer wieder auch verdammt dunkel – gerade jetzt, wo viele von uns sich vorkommen wie in der Waschmaschine durchgerüttelt. Wo Urwälder brennen und die Angst uns starr macht wie kaum jemals zuvor – obwohl es den allermeisten von uns materiell an nichts fehlt, unsere Kühlschränke voll sind und wir Kleidung im Überfluss haben, ein Dach über dem Kopf und Netflix vor der Couch. Doch vielleicht fehlt uns unsere Ganzheit. Es braucht uns in unserer menschlichen Kraft, unserer wahrhaftigen Erdung und unserer himmlischen Weisheit.

Wenn all das vereint ist, leuchtet unser Licht. Dann strahlen wir und können als Menschen und göttliche Wesen auf der Erde wirken, wahrhaftiges, natürliches Licht bringen und auch die bedingungslose Liebe; Vergebung, Heilung. Letztlich ist alles eins: Dunkelheit und Licht. Weder gut noch böse, sondern einfach Teil dieser Welt. Und es liegt an uns, ob wir einen Teil dieser Welt von uns fernhalten wollen, obwohl er uns doch mit dem anderen verbindet und uns so viel Kraft gibt, um die zu sein, die wir in Wahrheit sind.

Lass mich wissen, wie du die Sache mit der Dunkelheit siehst.

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