Ein Kasten mit vielen Schubladen, der im Himmel schwebt und aus dem wilde Tiere steigen

Wie der spirituelle Mensch zu sein hat

07. Juli 2020

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Als ich meine ersten bewussten Schritte auf dem spirituellen Weg gemacht habe, hatte ich tausend Vorstellungen in meinem Kopf, wie ich als spiritueller Mensch sein muss. Muss. Bis ich mir gedacht habe: Moment, irgendwas läuft hier schief! Bis ich erkannt habe, dass ich in meine begrenzte Hirnschublade nur einen neuen Inhalt gepackt hatte. Statt Leistung, nichts spüren, funktionieren und anhaften waren dort nun drin: immer gut sein, bei jeder Gelegenheit meditieren, jedem Arsch das Herz öffnen und jeden Idioten verstehen, mich einfühlen, Kerzen anzünden, Rituale machen, immer gelassen sein, immer drüber stehen (WTF?) etcpp. Neuer Inhalt, selbe Schublade. Gleich begrenzt, gleich unflexibel wie vorher. Gleich unmenschlich. (Versteh mich nicht falsch: meditieren ist super, Rituale auch – aber nicht als spiritueller Zwang).

Was ist Spiritualität?

Denn was ist Spiritualität denn eigentlich? Befragen wir den Duden. Der sagt: Geistigkeit; inneres Leben, geistiges Wesen. Hm. Da ist viel Spielraum für Interpretation, oder? Für mich bedeutet es vor allem: Ich bin ein geistiges, himmliches, göttliches Wesen in einem menschlichen Körper. Und die letzten vier Wörter hier haben große Bedeutung. Bei all der Spiritualität dürfen wir eines nicht vergessen: Wir sind Menschen. Wir haben Gefühle, wir haben Angst, sind wütend, erfreut, fühlen Schuld und Scham, Neid, Hass, Verzweiflung. Von Hunger und Durst und dem Bedüfnis nach körperlicher Nähe, Akzeptanz und Sexualität mal ganz abgesehen.

Geist und Körper sind eins

Wir haben eine göttliche und eine menschliche Seite. Erst wenn wir beide vereinen, sind wir ganz. Erst dann beginnt für mich die wahre Spiritualität. Wenn ich eins bin mit mir. Denn erst dann kann ich eins sein mit der geistigen Welt. Richtig eins. Klar, du kannst die Verbindung spüren zum Himmel und auch zur Erde in der Meditation. Kannst das Geistige fühlen, wie es dich umspült und beschenkt. Doch welches unserer Leben besteht nur aus Meditation? Meines nicht. Meines besteht auch aus Rechnungen stellen und zahlen, staubsaugen, Katzenhaare aus dem Essen pulen (okay, sehr selten, aber du hast jetzt ein schönes Bild vor Augen, oder?), Buchhaltung machen, Klo putzen, Mistkübel auswaschen und so weiter.

Mit Hilfe deiner Menschlichkeit geschehen die Wunder

Das Geistige in uns anzunehmen ist nur die halbe Miete. Wirklich groß und göttlich macht es uns, wenn wir unseren Körper und unsere Menschlichkeit umarmen, wenn wir uns annehmen, wie wir sind. Wenn wir unsere Gefühle wahrnehmen und sie nicht wegschieben. Sie dürfen sein und wir dürfen alles in uns liebevoll umarmen. Gerade die vermeintlich dunklen Seiten. Dann vereinen sich all unsere Anteile zu einem wundervollen Ball aus Licht, der ausstrahlt bis über die Grenzen deines Hirns hinaus. Und bis über die Grenzen der Erde hinaus. Dann geschehen die Wunder.

Eine Übung für dich

Ich habe diese sehr einfache und wirkungsvolle Übung in einer Sadhana des Awakening Women Institutes kennengelernt. Sie heißt „feel, kiss, flow“. Setz dich bequem hin und atme einige Male tief und ruhig in deinen Bauch ein und aus. Dann spüre, welches Gefühl gerade da ist. Nimm es wahr, ohne es zu bewerten. Es ist da und darf da sein. Die allermeisten negativen Gefühle bleiben etwa 90 Sekunden in unserem Körper. Wenn wir sie wahrnehmen, ohne sie zu bewerten und ohne uns in die Geschichte zu verstricken, fliegen sie wieder raus wie ein eingesperrter Wildvogel, dem du die Freiheit wiederschenkst. Du spürst also dein Gefühl, das dauert eine Sekunde, dann umarmst du das Gefühl liebevoll für ein, zwei Sekunden und in den nächsten ein, zwei Sekunden lässt du es los. Das machst du einige Minuten lang. Entweder mit diesem einen Gefühl, das sich immer wieder zeigt oder mit einem anderen, das nach dem Loslassen des ersten erscheint. Schließe die Übung mit einigen ruhigen, tiefen Atemzügen.

Nimm dich an!

Nimm dich an, Menschenmann, Menschenfrau, alles an dir. Kein Spaziergang, ich weiß. Eher eine lange Wanderung. Doch, hey, selbst die Wanderung durch den dunkelsten Wald wird mit dem Gipfelblick belohnt. Bleib dran, ehre deinen Körper, liebe deine Menschlichkeit. Sei das Wunder, das du bist.

Wenn du Unterstützung brauchst, kontaktiere mich gerne.

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