Zwei Pfale ragen aus dem Meer, schwarzweiß, Hass, Schmerz, Liebe

Was, wenn da nur Hass ist und keine Liebe?

06. November 2020

„Schleich di, Oarschloch“ versus „Vergebung und Liebe“. Nach dem Attentat in Wien vergangenen Montag kommt so viel hoch, was lange in der Tiefe gebrodelt hat. Die einen fordern mehr Härte, die anderen schicken Liebe und plädieren für Vergebung. Was aber, wenn Vergebung (noch) nicht möglich ist? Was, wenn da nur Hass ist und keine Liebe? Was, wenn die Angst und der Schmerz so groß sind, dass an Liebe nicht mal ansatzweise zu denken ist?

Dann heißt es: Hinschauen. Und annehmen.

Hass zu fühlen ist etwas, das kaum jemand gern mag. Ich glaube nicht, dass das daran liegt, dass niemand Hass fühlt, sondern dass sich niemand traut, es wirklich wahrzuhaben, dass er oder sie selbst so schreckliche Gefühle haben kann. Dabei ist Hass auch nur eine andere Form von Schmerz oder Angst.

Ich kenne die absolute Wahrheit nicht und habe mit Sicherheit nicht den Durchblick bei den Dingen, die gerade passieren. Doch ich kenne meine eigene Wahrheit: Zu Gefühlen wie Hass bin ich nur dann in der Lage, wenn ich mir selbst nicht in Liebe begegnen kann. Wenn mein Schmerz in mir so groß ist, dass ich mich nicht traue, hinzuschauen, weil ich das Gefühl habe, wenn ich mich meinem eigenen Schmerz stelle, zerspringe ich, das ist nicht auszuhalten. Und so sind es halt Dinge und Menschen im Außen, auf die ich meinen Hass oder, in abgestufter Form, meinen Groll, meinen Ärger, meinen Grant, richten kann. Die anderen. Dass das einfach ist, wissen wir alle. Dass es uns auffrisst, ist vielleicht nicht allen bekannt.

Wie wäre es mal anders?

Wie wäre es, wenn wir hinschauten? Wenn wir so ehrlich zu uns wären und uns sagten: Eigentlich hasse ich mich selbst. Ich habe mich lange, lange Jahre selbst gehasst. Ich hätte es niemals so ausgedrückt, doch mein innerer Kritiker war in der Hinsicht schon gut drauf: „Ich bin ja blöd!“, wenn mir ein Fehler passier ist, „Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden“, wenn ich in Meditation saß und von göttlicher Liebe die Rede war, die in mich fließt. Ich kann mich erinnern, eines Abends ging es in unserer Gruppe um eben diese göttliche Liebe. Ich konnte sie nicht annehmen. Ich war der Meinung, ich bin es nicht wert.

Wie hat sich das geändert? Durch radikale Ehrlichkeit.

Radikale Ehrlichkeit

Es gibt kein menschliches Gefühl, das nicht aus irgendeinem guten Grund in uns ist. Es weist uns darauf hin, was in uns (noch) nicht erlöst ist. Hass, Wut, Angst, Neid, Scham, Eifersucht, Schuldgefühle, Traurigkeit, Schwere, … sie alle sind in Wahrheit unsere Freunde. „Die Dunkelheit erdet das Licht“ steht auf meiner Heiltrommel. Diesen Satz hat mir Schamanin Nadja Judith Troyer während des Trommelbauworkshops geschenkt. Die Dunkelheit erdet das Licht. Erst, wenn wir ihn hinter uns haben, den großen Schlamm, kommen wir aus dem Dunkeln ans Licht.

Für mich stimmt es: Liebe und Vergebung sind unsere Rettung. Doch es ist nicht die romantische, rosarote Liebe mit Blümchenschmuck und Glitzerstaub. Die kannst du vergessen, wenn es darum geht, das Licht auf die Erde zu bringen und eine neue Erde, ein neues Bewusstsein zu manifestieren. Was es braucht, ist die bedingungslose Liebe, diese blutrote Liebe, die Urkraft aus der Erde, die mit ihrem Feuer die tiefsten Schluchten erleuchtet, die wie ein Sturm durch uns fegt und uns gleichzeitig aufrichtet und stärkt und nährt, sodass wir uns trauen, hinzuschauen auf die Dinge, die wir nicht sehen wollen. Ich weiß nicht, wo es anfängt, ist erst die Liebe da, oder zuerst das Hinschauen, oder kommt beides gleichzeitig, doch sicher ist: In dem Moment, in dem wir den Mut haben, all die Gefühle wahrzunehmen, all die Scham, all den Hass, der vielleicht noch in uns ist, spüren wir auch die Liebe. Denn der Liebe ist es vollkommen egal, in welchem Zustand du dich gerade befindest, ob du tobst, schreist und mit Flüchen um dich wirfst. Die Liebe liebt. Alles. Immer. Und unendlich.

Und mit ihr kommt ihre Freundin, die Freiheit. Du bist frei, deine Gefühle wahrzunehmen. Und nur weil du mal Hass fühlst, bist du kein schlechter Mensch. Du bist einfach ein Mensch. Nicht mehr und nicht weniger. Das reicht.

Spür hinein und lass die anderen in Frieden

Spür deine Gefühle, lass dich von Profis begleiten, und stelle dich dem, was ist. Und sei dir dabei bitte bewusst: Es geht nur um dich. Und du merkst vielleicht, wir sind längst, längst weit weg von Wien. Es geht um alle die Situationen, in denen du das Gefühl hast „Der war’s!“ oder „Ich bin schuld“: Es braucht keine Rache, und umgekehrt muss dir auch niemand vergeben, wenn du irgendwann einen Fehler gemacht hast. Du kannst das mit dir selbst regeln. Du vergibst dir selbst. Und du kannst vergeben, ohne mit dem anderen auch nur auf Babyelefantenlänge gegenüberzustehen. Alles was du brauchst, bist du. Du spürst, welche Gefühle jetzt gefühlt werden wollen, um dich davon zu erlösen. Nur spüren. Nicht handeln, nicht reden, nicht benennen. Nur spüren. Und die Liebe wird dich begleiten. Vielleicht spürst du sie nicht, aber da sein wird sie.

Wenn du das Gefühl hast, du möchtest tiefer gehen, kontaktiere mich gern.

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